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MEZIS-Grundsätze und Ausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit  


Beiträge: 6
(@dietrich)
Mitglied
Beigetreten: vor 4 Jahren

Liebe MEZIS,

ich bin 2016 bei MEZIS Mitglied geworden, Anlass war große Verärgerung über tendenziöse Vorträge im wissenschaftlichen Programm auf dem Kongress meiner Fachgesellschaft.

Satzungsgemäßes Ziel von MEZIS ist "die wissenschaftliche und unabhängige Fort- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten und anderer Heilberufe auf dem Gebiet der rationalen Arzneimitteltherapie und evidenzbasierten Medizin zu verbessern und Schaden für Patientinnen und Patienten durch unzweckmäßige Arzneiverordnungen abzuwenden und die derzeit vorhandene intransparente und irreführende Beeinflussung des Verordnungsverhaltens offen zu legen und zurückzudrängen".

Nicht nur in letzter Zeit, aber aktuell vielleicht durch die Unruhe verstärkt, die die Corona-Pandemie überall verursacht, werden in den MEZIS-Nachrichten, im Forum, und unglücklicher Weise in Stellungnahmen an die Öffentlichkeit Themen behandelt, deren Bezug zum Zweck unseres Vereins zumindest diskutiert werden sollte.

Jeder, der ein paar Jahre dabei ist und einige Zeit der MEZIS-Mailing-Liste gefolgt ist, weiß auch, dass immer wieder vehementes Vertreten von Eigeninteressen einiger Mitglieder zu beobachten ist, sei es argumentativ, oder durch z.B. Verlinkung auf eigene Homepages oder gar auf Amazon-Links selbst geschriebener Bücher.

Vielleicht können wir das Forum benutzen, um ein Stimmungsbild einzuholen, wie die Mitglieder zum Satzungsziel stehen und wie sie die Aktivitäten von MEZIS beurteilen.

Ein paar Anregungen:

- Was ist die Motivation zur Mitgliedschaft und Mitarbeit bei MEZIS?

- Was gehört zum MEZIS-Ziel im engeren und weiteren Sinn dazu, ist eine Erweiterung des Satzungsziels sinnvoll?

- Sollen Ziele verfolgt werden, die nicht durch die Satzung im engeren Sinn erfasst sind?

- Wie stehen die Mitglieder zu Therapien, die nicht rational und nicht evidenzbasiert sind? Wie soll sich MEZIS dazu öffentlich positionieren? (Beispiele: Mitochondriale Medizin, Bioresonanztherapie, Homöopathie) Wie wichtig ist den Mitgliedern das in der Satzung stehende evidenzbasierte Prinzip?

- Wie transparent müssen wir untereinander und gf. nach außen sein, was monetäre Eigeninteressen von Mitgliedern betrifft, die für MEZIS Stellungnahmen verfassen? Gemeint ist der eigene Geschäftsbetrieb / die eigene Praxis und ihre Ausrichtung (z.B. Spezialisierung auf alternative Impfschemata?).

- Wie sollen öffentliche Verlautbarungen des Vereins im Vorfeld abgestimmt werden? (im Forum / per Abstimmung / nur durch den Vorstand?)

- Können wir die interne Transparenz von MEZIS-Verlautbarungen verbessern? (Autoren / Interessenkonflikte / Abstimmungsprozess im Vorfeld)

- Was ist - und hier scheint es mir eine gewaltige Heterogenität an Meinungen und großes Konfliktpotential bei den Mitgliedern zu geben - die Meinung der einzelnen Mitglieder zu Impfungen und v.a. Impfempfehlungen, wie soll sich MEZIS in der Öffentlichkeit diesbezüglich positionieren? Soll MEZIS an der wissenschaftlichen Diskussion zu Sicherheit und Effektivität von Impfungen teilnehmen, oder nur im Sinn des Satzungsziels auf Transparenz von Daten und Veröffentlichung aller in Frage kommender Interessenkonflikte dringen? Ist angesichts der Heterogenität der Mitglieder die Abfassung offizieller MEZIS-Stellungnahmen zu Impfungen überhaupt möglich?

Ich habe die Hoffnung, dass sich so die Effektivität der Binnen- und der Außenkommunikation verbessern lässt, und verhindert werden kann, dass MEZIS-Stellungnahmen im Rahmen von Partikularinteressen "gekapert" werden. Anlass ist das aktuell geplante Positionspapier zu Covid-19, das zu Austritten führen wird, wenn es so erscheint wie vom Erstautor - der noch unbekannt ist - vorgeschlagen.

Vielleicht lassen sich durch verbesserte Abstimmungsprozesse auch Austritte vermeiden, die wohl immer dann erfolgen, wenn Themen zugespitzt werden oder kontrovers sind.

Weitere Vorschläge sind willkommen.

Wolfgang Dietrich

4 Antworten
Beiträge: 6
(@dietrich)
Mitglied
Beigetreten: vor 4 Jahren

vielleicht fange ich selbst an, möglicherweise wird meine Meinung ohnehin im Thema suggeriert:

- Ich halte das Satzungsziel für gut und auf den Punkt formuliert und nach wie vor aktuell. Hier gibt es viel für MEZIS zu tun. Die Behandlung neuer Marketingformen der Industrie durch MEZIS, Stichwort Multichannel, lassen sich genauso wie sich ändernde Formen finanzieller Zuwendungen oder von Interessenkonflikten, oder von sich ändernden Fortbildungsbedingungen gut mit dem Satzungsziel vereinbaren.

- Eine Erweiterung des Satzungsziels halte ich nicht für sinnvoll. Eine Beschäftigung mit Themen, die stark vom Satzungsziel abweichen, sehe ich sehr skeptisch: Für jedes dieser Themen ist u.U. erhebliche Fachkenntnis erforderlich. MEZIS "überhebt" sich hier, d.h. setzt auch die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel, und es gibt z.T. andere Organisationen, deren satzungsgemäße Aufgabe diese Themen sind (z.B. Datenschutz). Streng genommen wäre auch eine Satzungsänderung erforderlich.

- Ich arbeite in meiner Praxis, was Pharmakotherapie betrifft, evidenzbasiert und halte mich größtenteils an Leitlinienempfehlungen. Das betrifft auch Impfungen, wobei ich hier der Meinung bin, dass bei den Impfempfehlungen dem Entstehungsprozess eine ganz besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich der Transparenz der Studiendaten und der Interessenkonflikte aller Beteiligten gebührt. Ich habe bei meinem Eintritt in MEZIS auf den in der Satzung formulierten evidenzbasierten Gedanken vertraut - und mich unmittelbar über die damals im MEZIS-Mailverteiler tobenden Diskussionen gewundert. Ich finde, MEZIS sollte für nicht evidenzbasiert ausgerichtete Therapien weder Diskussionsplattform, und erst recht nicht öffentliches Sprachrohr sein. Für ersteres würde ich mir mehr Disziplin unter den in der Mailingliste Aktiven wünschen, für das Zweite einen besseren Abstimmungsprozess vor Veröffentlichungen wie Positionspapieren.

- Ich denke, dass Positionspapiere nur von Mitgliedern entworfen werden sollten, deren Geschäftsbetrieb bzw. Praxis keinen Interessenkonflikt darstellt. Zumindest müsste das transparent gestellt werden. Eine Abstimmung bzw. Diskussion über das Forum fände ich sehr praktikabel, u.U. unterstützt durch Mitteilungen an alle Mitglieder an bestimmten Punkten (z.B. erster Entwurf, Endfassung)

- Impfungen sind innerhalb von MEZIS zu kontrovers: Von allem, was mit Impfungen, Impfpflicht etc zu tun hat, muss MEZIS derzeit meiner Meinung nach großen Abstand halten, um sich nicht in internen Reibereien zu verlieren und um die Glaubwürdigkeit nach außen nicht zu gefährden.

Wolfgang Dietrich

 

PS Meine Praxis ist hausärztlich-internistisch und diabetologische Schwerpunktpraxis. Ich verdiene mein Geld mit "normalem" Hausarzt- und Diabetologenhonorar, GKV und PKV. Impfleistungen machen - nicht konkret ausgerechnet -  weit weniger als 5% meines Umsatzes aus, Selbstzahler-Impfleistungen (nur Reiseimpfungen) weit weniger als 1%, ebenso weniger als 1% psychosomatische Sonderleistungen (Entspannungsmethoden, Hypnosetherapie).

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Beiträge: 5
(@hefjaeger)
Mitglied
Beigetreten: vor 4 Jahren

Lieber Herr Dietrich,

vielen Dank für Ihr Engagement und Ihren guten Beitrag zur Grundsatzdiskussion. Er wird in unsere Gespräche in der Zukunftswerkstatt Ende der Woche einfließen. Für mich ist der Grundkonsens bei Mezis ein ethischer. Ich werde auf der MVV einen Antrag einbringen, um die ethischen Grundsätze zu präzisieren, und ggf. auch in die Satzung aufzunehmen. "Nicht täuschen" ist ein ethisches Prinzip, das mir besonders wichtig ist. Hielte man sich daran, wäre eine den Patienten täuschende "Placebo-Anwendung" ausgeschlossen. Die Bundesärztekammer sieht das zurzeit noch anders (s. Empfehlung 2011 und verschiedene Publikationen von Prof. Jütte). Viele unerfreuliche Diskussionen würden sich (auch bei Mezis) erübrigen, wenn man sich einigen könnte, Patient*innen umfassend, transparent und offen über alle spezifischen (rezeptorgenauen) und nicht-spezifischen Wirkungen einer medizinischen Anwendung (u.a. Qualität und Art einer Arzt-Patienten-Interaktion) aufzuklären. Beide, spezifische und nicht-spezifische Wirkungen, sind (in unterschiedlicher Abmischung) mit der Anwendung aller medizinischen Produkte und Dienstleistungen verbunden. Das gilt auf für Impfungen. Über beide Wirkungsarten sollte man rational und wissenschaftsbasiert aufklären. EbM ist dabei ein sehr hilfreiches Werkzeug. Es ist im Sinne seiner geistigen Väter Popper, Sacket u.a. besonders effektiv, um nachzuweisen, dass etwas nicht klappt. Um nachzuweisen, das etwas von dem jemand überzeugt ist, dass es gut wirke, auch tatsächlich gut wirkt, ist das Instrumentarium von EbM weniger gut geeignet. Prof. Ioannides warnte daher: "EbM has been hijacked" (Journ. Clin. Epidem. 2016). Ein weiterer Mangel des bisherigen EbM-Instrumentariums ist, dass nicht-spezifische Effekte (z.B. Verhaltens- oder Lerneffekte oder Konditionierungen) insbesondere über längere Zeiträume nicht gut erfasst werden. Dazu wird ein neuer Studienansatz erprobt (cmRCT, Relton, BMJ 2010), der aber (so wie ich es überblicke) noch methodische Schwächen aufweist. Da sie Reiseimpfungen erwähnten, ist vielleicht interessant, dass wir im Tropeninstitut Hamburg die Auswirkungen des Reisen untersuchten ( https://academic.oup.com/eurpub/article/16/1/96/527354), aber überraschenderweise keinen Effekt der medizinischen Reiseberatung (insbesondere bei spezifischen Infektionen) nachweisen konnten. Anschließende Konzepte für Studiendesigns, die auf der Basis von cmRCT konzipiert wurden, und die sich auf nicht-spezifische Auswirkungen (Lerneffekte u.a.) von Beratungs- und Impfleistungen beziehen sollten, scheiterten an mangelndem Interesse der Krankenkassen, die solche Leistungen finanzieren. Mein Fazit: Wir sollten uns (u.a. bei Mezis) sehr um EbM bemühen (und herstellerunabhängige Überprüfbarkeit einfordern), wir müssen aber zugleich wahrnehmen, dass vieles was im Medizinmarkt erfolgreich ist und in Leitlinien erscheint, sich aus vielerlei nicht-wissenschaftlichen Gründen bisher noch kritischer Überprüfung entzieht. "Wissenschaftsfeindlichkeit" ist kein Problem, das ausschließlich "Alternative" und "Esoteriker betrifft.

Mein Antrag zur Satzungsergänzung wurde Ihnen mit der Einladung zur Mitgliederversammlung zugeschickt. Ich freue mich auf weitere fruchtbare Gespräche, die Mezis im Interesse der Patient*innen weiterbringen werden.

Viele Grüße

Helmut Jäger

 

               

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(@dietrich)
Beigetreten: vor 4 Jahren

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Beiträge: 6

@hefjaeger

Lieber Herr Jäger,

ich habe Ihren Vorschlag zur Satzungsänderung gelesen ( https://mezis.de/wp-content/uploads/2020/02/MVV-Antrag_Ethik_HJaeger.pdf ).

Prinzipiell teile ich Ihre Meinung. Ich bitte aber zu bedenken, dass Ihr Änderungsvorschlag teilweise in Ärztlicher Berufsethik und Berufsordnung bereits enthalten ist (z.B. nicht schaden, nicht täuschen), und dass das Thema Über- und Untertherapie weit die Tür zu wissenschaftlichen Fachdiskussionen öffnet.

Es ist die Frage, ob wir das sehr sachliche Satzungsziel § 2 in ethischer und damit ideologischer Richtung, wenn auch positiv formuliert und gemeint, aufweichen oder aufladen wollen. Ich bin eher nicht der Meinung.

Viele Grüße

Wolfgang Dietrich

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(@hefjaeger)
Beigetreten: vor 4 Jahren

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Beiträge: 5

(Auszug: Rundschreiben an AG Ethik)

... Mezis gründet sich auf ein ethisches Prinzip: Die Unbestechlichkeit

Bestechung ist der Versuch, von der Einhaltung anderer ethischer Prinzipien abzuhalten.
Die Mezis AG Ethik hielt es für sinnvoll, auf solche grundlegenderen ethischen Prinzipien hinzuweisen.

Bezüglich des Vorschlages einer Satzungsänderung (mit der Aufnahme weiterer ethischer Kriterien) gingen bis heute acht Rückmeldungen ein:
Eine Ablehnung und sieben Zustimmungen.

Seither fanden zahlreiche Diskussionen statt, u.a. im Mezis Forum ( https://forum.mezis.de u.a. "MEZIS-Grundsätze und Ausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit"), im Mail-Austausch mit dem Vorstand und auf der Zukunftswerkstatt am 21. & 22.08.2020.

Gemeinsam ist der Wunsch, eine solide Grundlage zu finden,

  • auf der eine lebendige, fruchtbare Diskurse im Rahmen von Mezis gedeihen kann, und
  • auf deren Basis gegenseitigen Respekts unerfreulich-energiezehrende "Grabenkämpfe" zu "Reizthemen" vermieden werden können. 

Unterschiedliche Ansichten bestehen dazu, ob

  • neben der Ethik-Grundlage auch rational-wissenschafts-theoretische Kriterien für eine Mezis-Mitgliedschaft verbindlich sein sollten, wie EbM (auf der Basis von RCT), oder eine Zustimmung zu bestimmten, als verbindlich erachteten Kriterien und Richtlinien u.a.
  • neben den ethischen Kriterien, die eigentlich generell Grundlage ärztlichen Handelns sein sollten (Nicht Schaden / Vorsorgeprinzip), auch andere Kriterien aufgenommen werden sollten (Beispiel: Nicht täuschen), die die Bundesärztekammer anders sieht (Deutsches Ärzteblatt 107, Heft 28-29 (19.07.2010), S. A 1417-21)
  • Mezis sich hinsichtlich der Beurteilung von medizinischen Produkten und Dienstleistungen nur auf den spezifische (rezeptor-genaue) Effekte konzentrieren, oder auch nicht-spezifische Effekte (System-, Lern-, Konditionierungs-, Kommunikations-, Beziehungs-Effekte) thematisieren sollte
  • Personen, die hinsichtlich bestimmter medizinischer Produkte oder Dienstleistungen von bestimmten Kriterien abweichende Meinungen vertreten, Mitglied bei Mezis sein sollten
  • die Mitgliedschaft bei Mezis in der Außenwirkung (Verwendung des Mezis-Logo auf der jeweiligen Web-Site) etwas aussagen sollte (z.B. ethische Selbstverpflichtung oder Verpflichtung zur Einhaltung bestimmter therapeutischer Kriterien) oder nicht.

Diese lebendigen Diskussionen werden bis zur Mitgliederversammlung nicht abgeschlossen sein.

Auf der Zukunftswerkstatt am 21./22.08.2020 wurde daher angeregt, über diesen wichtigen Themenbereich auf der MVV (noch) nicht abzustimmen. Stattdessen sollte (u.a. unter dem eingeplanten MVV-Tagesordnungspunkt) eine möglichst breite Diskussion unter den Mitgliedern angeregt werden.

Im Vorfeld der Mezis-Mitgliederversammlung bitten wir daher um möglichst viele, gerne auch kritische und kontroverse, Rückmeldungen zum weiteren Vorgehen

Helmut Jäger

Antwort