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MEZIS Positionspapier: Covid-19: Diskussion um Impfpflicht und Immunitätsausweis ist zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht  

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Beiträge: 5
(@hefjaeger)
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Beigetreten: vor 4 Jahren

Liebe Mezis-Kolleg*innen,

herzlichen Dank für die guten und sorgfältigen Diskussionsbeiträge.

Der Entwurf des Positionspapieres zu den Zusammenhängen der Entwicklung der Covid-19-Impfstoffe war ein Konsens der Ansichten aller Mitglieder des geschäftsführenden und des erweiterten Mezis-Vorstandes. Dazu zähle auch ich. Interessenkonflikte liegen bei mir nicht vor.

In den gerade erschienenen Mezis-News habe ich persönlich in einem Artikel verdeutlicht, in dem ich schildere, warum ich (auf Grund meiner Erfahrungen) vor einer Beschleunigung von Zulassungsverfahren bei Impfstoffentwicklungen warne. Denn ich wünschte mir, dass in der Medizin mehr aus Fehlern (wie den geschilderten) gelernt würde: aus überhasteten Zahlungsverfahren und Vermarktungsstrategien von Blogbustern ohne systematische Begleitforschung.

Dieser Artikel gibt nur meine eigene Erfahrung und Sicht wieder.

Wenn ich den Begriff „Wissenschaft“ verwende, meine ich intelligentes, kritisches, skeptisches, offenes Fragen. D.h. besonders das Eingeständnis, etwas nicht zu wissen, gepaart mit der Neugier etwas herauszufinden.

Die jeweiligen Antworten (die sich aus Experimenten und Ausprobieren ergeben) spiegeln für mich nützliche Momentaufnahmen eines stetig veränderlichen Informationsstandes. Angelesenes und erfahrenes „Wissen“ erscheinen mir daher gleichermaßen als relativ, und sie führen bei mir, (wie in der Physik) zu neuen Fragen. Statische Wahrheiten, die geglaubt werden müssen, helfen mir nicht dabei, komplexe Entwicklungsdynamiken zu verstehen, wie sie die Physik und die Biologie der letzten Jahre beschreiben.

Ich stehe modernen, universitären, alternativen, esoterischen Methoden gleichermaßen skeptisch gegenüber, besonders wenn sie von Ideologien, Moden oder Markt-Dynamiken beeinflusst werden. Das gilt für die Chirurgie, die Psychiatrie, (mein Fach) Gynäkologie und, uva., natürlich ebenso für Impfungen. Ich befürworte bei allen medizinischen Methoden das, was sich als nützlich, wirkungsvoll und nebenwirkungsarm erwiesen hat. Und ich warne vor Produkten oder Dienstleistungen, bei denen Risiken den Nutzen überwiegen könnten. Dabei orientiere ich mich am Vorsorgeprinzip.

Darüber kläre ich Personen, die ich berate oder unterrichte, transparent auf. Insbesondere auch darüber, was ich nicht weiß, und was ich nicht wissen kann. Z.B bin ich als Geburtshelfer weder ein Befürworter noch ein Gegner von Kaiserschnitten, sondern halte sie für manchmal indiziert und manchmal nicht, je nach Art der Situation und der Qualität der Behandlung. Hinsichtlich des Themas Impfungen halte ich es nicht anders. Daher kann ich mit Kategorien wie „Impfgegner“ oder „Impfbefürworter“ nichts anfangen: Bestimmte Aspekte einiger Impfungen sehe ich kritisch, und viele Entscheidungen der STIKO halte ich weder für weise noch für wissenschaftlich überprüft. Andererseits bin ich aus guten Gründen vielfach geimpft, habe erfahren, dass mein Bruder mit 16. Jahren ungeimpft an Polio verstorben ist, und war sowohl in Hamburg als auch in Afrika viele Jahre für die Integrierung von Impfstrategien in Public Health Programme verantwortlich.  

All das zu beschreiben, scheint vielleicht hinsichtlich einer Diskussion zu Covid-19-Impf-Startegien nicht viel zur Sache zu tun, aber es erscheint mir für unser Kommunikationsqualität wichtig. Ich wünsche mir, dass im Rahmen von Mezis unabhängig von der Applikationsart eines Produktes oder einer Dienstleistung (ob Pillen, Gesprächsritual, Spritzen oder bei chirurgischen Interventionen) gleichermaßen sachlich, respektvoll-wertschätzend und rational über Strategien im Markt der Medizin diskutiert werden kann, um unseren Patient*innen zu nutzen.

Ich halte die ethischen Einstellungen und Prinzipien unserer Mitglieder für das Herz unserer Organisation. Dieses Wesen von Mezis möchte ich gestärkt und am liebsten auch in der Satzung verankert sehen. Rationale Diskussionen z.B. über Evidenz, wissenschaftliche Erkenntnis, Lehrmeinungen, Strategien, Leitlinien, Zusammenhänge, State-of-the-art, unbekanntes Nicht-Wissen, uva. habe ich in anderen Zusammenhängen als fruchtbar erlebt, wenn sich alle Beteiligten wertschätzten und (emotionsberuhigt) tolerierten, dass es unterschiedliche Wahrheiten geben kann, und Kultur- und Glaubensfreiheit bestehe.

Wir erhoffen uns im Mezis-Vorstand, dass unsere kleine Zukunftswerkstatt am 21.08. in Rotenburg-Wümme und die MVV am 18.-19.09.2020 in Würzburg die Grundlagen für eine fruchtbare Diskussionskultur unter allen Mitgliedern verbessern werden.

Die Themen Covid-19 und Covid-19-Impfungen werden uns weiter begleiten und Mezis (bzw. der auf der MVV neu gewählte Vorstand) wird dazu in der Zukunft auch (erneut und veränderten Erkenntnissen angepasst) Stellung nehmen müssen.

Wir hören bei Diskussionen (u.a. hier im Forum) genau hin, und sind sehr dankbar für weitere Ideen, Anregungen, Kritiken, Ansichten, Argumente und Meinungen. Wir freuen uns auf intensive, lebendige Gespräche. Als Mezis-Vorstand glauben wir nicht an starre Positionen, sondern wir wollen Zusammenhänge besser verstehen, und aus unserer ethischen Grundhaltung (u.a. der Unbestechlichkeit) das Gesundheitswesen auch wirksam beeinflussen.

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Beiträge: 5
(@hefjaeger)
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Editor's Choice

Covid-19: Less haste, more safety

Fiona Godlee, editor in chief

BMJ 2020; 370 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.m3258 (Published 20 August 2020) Cite this as: BMJ 2020;370:m3258

https://www.bmj.com/content/370/bmj.m3258?utm_source=etoc&utm_medium=email&utm_campaign=tbmj&utm_content=weekly&utm_term=20200821Covid-19: Less haste, more safety

Few can doubt that we need a vaccine for covid-19 as soon as possible, and great strides are being made, including in our understanding of the immunology of SARS-CoV-2.1 But what damage may result from the race to create one? The World Health Organization has produced guidance on minimum characteristics for a vaccine, including 50% efficacy, temperature stability, potential for rapid scale-up, and proper evaluation against comparators. But, writes Els Torreele, these basic requirements are being rapidly eroded by the prevailing view that anything is better than nothing.2 So instead we are heading for vaccines that reduce severity of illness rather than protect against infection, provide only short lived immunity, and will at best have been trialled by the manufacturer against placebo. As well as damaging public confidence and wasting global resources by distributing a poorly effective vaccine, this could change what we understand a vaccine to be. Instead of long term, effective disease prevention it could become a suboptimal chronic treatment. This would be good for business but bad for global public health.

“Vaccine nationalism” is also a concern, says Daniel Altmann.3 Russia’s approval of its vaccine, based on a small unpublished phase 2 study in 38 volunteers, suggests we are already in the grip of a cold war style arms race, he says. Side stepping the need for a large phase 3 trial is like “entering a marathon, running the first few metres, then unilaterally crowning yourself the winner as all the others run ahead.”

Proper testing for patient safety is at the heart of a new drive for ergonomic design of medical equipment, writes Jane Feinman.4 Ergonomics, or human factors, means reducing the likelihood of human error, and is especially important for high risk equipment being used in stressful and unfamiliar situations such as those experienced by staff at the height of the pandemic. Perhaps covid-19 will inspire a widespread passion for good design, evaluation, and procurement, so that staff are no longer scapegoats for mistakes caused by poorly purchased equipment.

Are we in the UK ready for winter? John Middleton predicts a perfect storm of resurgent covid-19, flu, a backlog of untreated long term conditions, excess cold related mortality, and the effects of economic collapse and a possible no deal Brexit.5 To be ready, he concludes, we will need all the public health interventions that weren’t properly implemented from the start: surveillance, test and trace, physical distancing, quarantine and isolation, and protection of staff and vulnerable groups. Now is the time to prepare, but for this the UK needs a strategy rather than a continued round of knee jerk reactions to events.6

References

Sewell HF: Cellular immune responses to covid-19. BMJ2020;370:m3018. doi:10.1136/bmj.m3018 pmid:32737031
Torreele E: The rush to create a covid-19 vaccine may do more harm than good. BMJ2020;370:m3209doi:10.1136/bmj.m3209.
Altmann D.: Finding the best covid-19 vaccine should not be a race. 14 August 2020. https://blogs.bmj.com/bmj/2020/08/14/finding-the-best-covid-19-vaccine-should-not-be-a-race.
Feinman J: How covid-19 has highlighted the importance of design as well as price in the NHS supply chain. BMJ2020;370:m3192.
Middleton J.: Winter is coming: is the UK prepared? 14 August 2020. https://blogs.bmj.com/bmj/2020/08/14/john-middleton-winter-is-coming-is-the-uk-prepared
Adebowale V: Covid-19: Call for a rapid forward looking review of the UK’s preparedness for a second wave-an open letter to the leaders of all UK political parties. BMJ2020;369:m2514. doi:10.1136/bmj.m2514 pmid:32576551

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